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Bodenständige Schnitzkultur
Gedenktafel zur Gründung des Verbandes Erzgebirgischer Bildschnitzer vor 90 Jahren.
In diesem Jahr ist der Schnitzverein Schlettau Gastgeber. Die Veranstaltung findet am Sonntag, dem 20. Mai 2012 statt. Treffen 13.45 Uhr am Schloss Schlettau, Schlossführung, Erfahrungsaustausch im Schnitzerheim neben Schloss, 16-17 Uhr Wanderung zur Finkenburg, 17.30 Enthüllung der Tafel, danach gemeinsamer Vereinsabend.
(14.05.2012) Nachdem sich im Erzgebirge zur Erhaltung der Tradition des Schnitzens und Bastelns, welche ursprünglich eine bergmännische Volkskunst war, ab 1879 Schnitz-, Berg- und Krippenvereine gründeten und schnell in vielen Städten und Gemeinden des Oberen- und Westerzgebirges verbreitet waren, sahen einige Schnitzfreunde auch die Notwendigkeit zur Schaffung eines Gesamtverbandes. So lud der „Krippenschnitzerverein zu Schlettau“ für Mittwoch, den 24.Mai, dem Vorabend zur Himmelfahrt, zu einer Wanderung vom Körnerplatz zur Gaststätte Finkenburg ein. Schneeberger, Neustädteler, Scheibenberger und Annaberger Schnitzer waren mit dabei. Nachdem schon mehrfach Vorgespräche geführt worden waren, erfolgte nun der Beschluss zur Gründung des Gesamtverbandes unter dem Namen „Verband Erzgebirgischer Bildschnitzer“. Oberlehrer Kurt Dietzmann aus Neustädtel wurde der erste Vorsitzende des Verbandes. Max Anger aus Annaberg wurde zum 2. Verbandsvorsitzenden gewählt und der Leiter des Schlettauer Vereines, Gustav Röhling, wurde ebenfalls Vorstandsmitglied. Um die weiteren Aufgaben zu besprechen, das Statut zu beschließen und den Eintrag ins Vereinregister zu realisieren, ergingen an zahlreiche Vereine Einladungen für den 25. Juni 1922 in die Gaststätte „ Goldener Stern“ nach Schneeberg im Ortsteil Neustädtel. Dort fand an diesem Tag auch das Bergfest mit dem historischen Bergaufzug statt, was natürlich auch für die Schnitzer ein besonderes Ereignis darstellte. Wichtiger Bestandteil der Satzung war die festgeschriebene Absicht, „im Erzgebirge und seinen Nachbargebieten von alters her bodenständige Schnitzkunst und verwandter Beschäftigung als echten Ausdruck des heimatlichen Wesens“ zu fördern und als Ziel und Inhalt der Vereinigung zur Herzenssache aller Mitglieder zu machen. Aber auch wirtschaftliche Interessen der Schnitzer, Drechsler und Bastler standen vornan. In einem Schreiben vom 15.06.1922 heißt es: „Bildschnitzer, seid auf der Hut ! Die Reichsregierung mit ihrer Steuerreform hat auch unsere alte Heimkunst in Mitleidenschaft gezogen. Unsere mühsam zusammengebastelten Figuren sind Luxussteuerpflichtig. Ein enger Zusammenschluss unserseits ist dringend notwendig.“ Mehr als 20 Vereine traten dem Verband im Gründungsjahr bei. Im Jahr 1934 waren es dann 36 Mitgliedervereine. Zu den vordringlichsten Aufgaben gehörte die Mitteilung von fachlichen und gesellschaftlichen Informationen und Neuigkeiten ebenso wie das stetige Bemühen um den Schnitzernachwuchs. 1924/25 gingen die Mitteilungen noch über die Zeitschrift „Sächsische Heimat“. In den Folgejahren erschien die Zeitschrift „Schnitzer und Bästler“ bis 1933. Die Anzahl der Beiträge hatte stark zugenommen und die Herausgabe des Blattes war eine beachtliche Leistung, welche insbesondere durch die Tüchtigkeit des Vorsitzenden Kurt Dietzmann zur Geltung kam. Leider erfolgte im September 1934 die Auflösung des Verbandes im Rahmen der Gleichschaltung der Kulturvereine zum „Reichsbund Volkstum und Heimat“. In den unseligen Kriegsjahren verringerten sich alle Aktivitäten der Volkskünstler ohnehin sehr.
Nach 1945 übernahm der neugeschaffte „Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“, später „Kulturbund der DDR“ als kulturelle Massenorganisation die regionalen Vereine, jetzt meist „Schnitzzirkel“ oder „Arbeitsgruppen (AG)“ genannt. Die überregionale Koordination der Weiterbildung, Informationsaufgaben und auch Ausstellungsorganisation und oftmals nicht gerade einfache Werkzeug- und Materialbeschaffung oblag der „Bezirksarbeitsgruppe Schnitzen / Holzgestaltung“, deren Mitlieder überwiegend bekannte Schnitzer, Kunsterzieher und Museumsfachleute waren.
Nach der politischen Wende in der damaligen DDR fiel diese Organisation weg, und die Schnitzer, Holzbildhauer, Holzgestalter, Drechsler und Bastler gründeten bereits am 30. Juni 1990 in Annaberg-Buchholz als Nachfolgeorganisation den „Verband Erzgebirgischer Schnitzer“. Er steht in der Tradition des 1922 gegründeten überregionalen Vereins, hat gegenwärtig 18 Vereine und auch Einzelschaffende in seiner Mitgliedschaft und ist bemüht, die besonderen Herausforderungen zum Erhalt unserer Volkskunst und Heimatverbundenheit auch unter neuen Bedingungen der Gegenwart zu bewältigen. Ganz obenan steht dabei die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen und deren Förderung in den Vereinen, Schulen und der Schnitzschule. Weiterhin Ausstellungen, die Durchführung von Holzbildhauersymposien und Speziallehrgängen, Anfertigung von Publikationen und vieles mehr. Auch das alljährlich stattfindende Schnitzer-Treffen, welches gemeinsam mit Familienangehörigen und Freunden durchgeführt wird, erfreut sich großer Beliebtheit. In diesem Jahr ist der Schnitzverein Schlettau Gastgeber. Nach Schloßbesichtigung und Erfahrungsaustausch im Schnitzerheim geht die Wanderung zur rund 5 Kilometer entfernten Traditionsgaststätte Finkenburg. Die Schnitzer kommen natürlich mit blauer Schürze, Hut und Wanderstock, genau wie vor 90 Jahren. Nach Enthüllung einer eichenen Gedenktafel um 17.30 erfolgt der gemeinsame Abend mit den „Pöhlbachmusikanten“.
Dietmar Lang 1. Vorsitzender
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