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Himmelschlüssele blühn...
Über das Frühlingserwachen im erzgebirgischen Gedicht
Schwärmt der Fremde vom schneereichen Winter im Erzgebirge und von der erlebnisreichen Weihnachtszeit, so ist der Einheimische froh, wenn endlich die Schneemassen verschwinden und sich der kalte Gesell´ in die rauen Berge zurück zieht und hellerem Licht und neuem Leben das Revier überlässt.
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Der Frühling war für den Erzgebirger von jeher eine Zeit des momentanen Aufatmens, des kurzzeitigen Hoffnungschöpfens sowie eine intensive Hinwendung zur Natur, - vielleicht liegt darin aber auch schon wieder eine gewissen Vorfreude auf die bevorstehende Weihnachtszeit, die eigentliche Hochzeit des Erzgebirges und seiner Bewohner. Jetzt steht aber erst einmal die wärmere Jahreszeit vor der Tür. In unzähligen Liedern, Gedichten und Geschichten – meist in erzgebirgischer Mundart – preist der Erzgebirger den Lenz als einen wichtigen Lebenspartner. Und wie die Natur sich um ihn herum verändert, so fühlt er auch an sich jene wohltuende Erneuerung: „...ich salber, ich bi e ganz annerer Ma, dos hat mer dr Frühling allaa ageta.“ So wie der Siegert Hans 1909 derartige Veränderungen an sich feststellen konnte, macht uns der Günther Anton bereits im Jahre 1906 darauf aufmerksam, dass de „ Himmelschlüssele blüh! Draußen is wieder schie, draußen is wieder fei, - ´s is dr Winter verbei!“ Aber auch unser Saafnlob, der Dietrich Stephan aus Eibenstock, hat sich in mehreren Gedichten mit dem Wiebeln und Wabeln in unserer Heimat zur Frühlingszeit befasst. Besonders hatten es ihm dabei die gefiederten Frühlingsboten angetan. Und wenn der Amisch – die hochdeutsche Amsel – singt, so meint er richtigerweise, dann kann auch das Frühjahr nicht mehr weit sein: „...Amisch, was singste när, ka´s net verstieh. Schüttelst de Flügele, machst dich su schie.“ Selbst Erzgebirger, deren Metier nicht unbedingt die Lyrik war, haben sich vom Frühlingserwachen in der Heimat inspirieren lassen und ihren Gefühlen dichterischen Ausdruck verliehen. Einer, dessen geträumte Welten so manche Jugend charakterlich mit geprägt haben und von dessen Helden noch heute die Medien profitieren, dieser weltbekannte Mann aus Hohenstein stellte im Jahre 1875 sensibel fest: „...es ist ein linder Frühlingshauch heut übers Feld gegangen, und nun will Wiese, Baum und Strauch in tausend Blüten prangen.“ Wir wissen längst, dass Karl May nicht der Draufgänger war, für den er sich uns über seinen Figuren glaubhaft machen wollte. Eher war er eine hochempfindliche Persönlichkeit, mit der erstaunlichen Gabe ausgerüstet, die Natur als Lebensmittel auch für seine Erzgebirger schreibend zu reflektieren: „...das sproßt und treibt, will dankbar sein, will Glück und Freude spenden. Herrgott, laß diesen Sonnenschein Doch niemals in mir enden!“ Einheimische und Fremde zieht es alljährlich in bunten Scharen zu den „Nacketen Gunfern“, zu den Drebacher Wiesen, auf denen einst Pfarrer Rebentrost ein paar Krokusse in die Erde steckte, die nun heutzutage die Felder ringsumher mit einen bunten Teppich decken. Die Frühlingshungrigen kommen mitunter von weit her, um sich an der Blütenpracht zu laben, Kraft zu schöpfen für den Alltag, wie dies in ähnlicher Weise unser Karl Hans Pollmer aus Geyer in den 50er Jahren hier tat: „Un wieder blüht dr Krokus un´s Gänseblüml aah. Un wieder ka mer draußen De grüne Wiesen saah... Vergassen is es Stöbern, dr gruße Schne, den´s gob. Dr Krokus blüht nu wieder – Ach wos für Frahd ich hob!“ Und der Pollmer Manfred stellt dazu frühlingshaft-verwundert fest: „Wie de Sonn schu scheine ka, ´s bal net ze glaabn! Lacht se übernTog dich a, fängste a ze labn, werd dr´sch warm un lecht üms Herz, faßt de wieder Mut, denkste fruh: Na itze werd´s draußen wieder gut!“ Viele Dichter und Sänger könnten hier noch mit ihren Gedanken und Empfindungen zum Frühlingserwachen im Erzgebirge zu Wort kommen. Solche, die das neuerliche Räckeln der Natur nicht mehr erleben können, und jene, die mit wachen Augen und empfänglichen Herzen die alljährliche Wiederbelebung unserer erzgebirgischen Erde mit lyrischem Talent erfassen und gestalten. Darunter sind Bekannte und weniger oft genannte. Einer von den Letzteren ist unser Schramm Arthur aus Annaberg. Das „Klaane Getu“ hatte zeitlebens eine ganzjährige Hinwendung zur Natur, von der nicht nur das immer frisch gebrochen Fichtenzweiglein an seinem Hut kündete, wenn er von seinen ausgedehnten Spaziergängen vom Pöhlberg kam, sondern auch seine Frühlingsgedichte, von denen hier eines aus dem Jahre 1938 wiedergegeben werden soll: „Nun alle Bächlein fließen, die Flüsse übervoll sich in das Meer ergießen verfliegt des Winters Groll. Schnee schmelzt auf Feld und Wiesen, die Märzensonne lacht weil Frühlingsblumen sprießen – zuerst die Krokuspracht. Der Frühling kommt mit Brausen, vertreibt des Winters Macht. Wie herrlich ist´s jetzt draußen, wo Frühlingskraft erwacht. Willkommen holder Frühling, erneuerst alles Sein; wir grüßen dich oh Frühling, zieh in die Herzen ein.“ Wenn man sich allerdings mit all den Äußerungen zum Erzgebirgs-Frühling etwas näher befasst, dann wird man die Vermutung nicht los, dass sich der Erzgebirger nur deshalb so ausgiebig und intensiv mit dem Frühling beschäftigt, um ihn möglichst bald zu überwinden. Schließlich beginnt hier oben in den Bergen im Sommer schon wieder so etwas wie ein Advent, und das heißt ja schließlich nichts anderes als Vorfreude – auf Weihnachten...
G.B.S.
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